Meine Lebensphilosophie

Wer sich einmal mit dem Thema Philosophie (z.B. Bertrand Russell, Philosophie des Abendlandes) auseinandergesetzt hat, ahnt, dass das Wort Lebensphilosophie sehr hochtrabend ist. Nimmt man noch die Frage des Glaubens und der Religion hinzu, wird es Bücher- und abendfüllend. Insbesondere ist Streit (ob friedlich oder heftig) vorprogrammiert.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle nur einige für mich wichtige Grundprinzipien meiner Welt- und Menschensicht aufführen, damit Ihr Leserinnen und Leser mein Schreiben vielleicht etwas besser einordnen könnt.

 

Zwei Dinge sind nach meiner Auffassung bedeutsam, um fair und mitfühlend durchs Leben gehen zu können:

  1. Man sollte lernen, sich selber zu mögen und anzunehmen. Nur wer sich mit seinen Schwächen, Fehlern, Eigenheiten aber auch Talenten, Stärken, Träumen akzeptiert, bringt die Kraft im Leben auf, zu gestalten, mitzuwirken oder gar Anderen zu helfen. Wie viele Menschen haben schon in der Kindheit Demütigungen, Herabsetzungen oder Gleichgültigkeit erlebt und sich früh dafür eine Mitschuld gegeben. Die Lehrbücher von Psychologen und Psychiatern sind voll solcher Fälle.
  2. Man sollte akzeptieren, dass Schwächen und Fehler zu einer Persönlichkeit gehören. In einer Zeit der Selbstoptimierung, der Polarisierung und Vereinfachung bis hin zur Bedeutungslosigkeit von Fakten neigen immer mehr Menschen dazu, Schwarz-Weiß-Urteile vorzunehmen. Es gibt nur falsch oder richtig, böse oder gut, Freund oder Feind. Und hat man erst einmal eine Meinung, dann sind dagegen sprechende Fakten gefälscht, manipuliert, durch Presse, Politik, die Anderen. Viele von uns haben verlernt, dass die meisten Dinge mehrere Sichtweisen haben, ohne dass es ein "richtig" oder ein "wahr" gibt. Wir haben verlernt, dass Irrtum zu Verzeihen führen kann und dass wir selbst Fehler machen und man uns trotzdem lieben kann.

Ob das Küchenphilosophie ist? Und wenn schon. Plato oder Kant, Hobbes oder Descartes helfen mir nur bedingt, wenn es um den Umgang mit meinen Mitmenschen geht. Unbestritten bedeutsam ist die Kommunikation der Menschen miteinander, mit Worten, Gesten, Blicken, ja Taten. Frei nach Waczlawik kann man nicht nicht kommunizieren. Sprache ist ein Geschenk, eine Kunst, eine Waffe. Nicht miteinander zu reden ist meist noch tragischer. Darum möchte ich jedem Menschen empfehlen, z.B. die Trilogie "Miteinander reden" des Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun zu lesen. Mit der Erkenntnis der zwischenmenschlichen Fallstricke der Kommunikation und des eigenen inneren Teams der vielen Stimmen, kann man sich und Andere besser verstehen, wenn man bereit dazu ist.

 

Unabhängig davon gilt es, sich der unveräußerlichen Menschenrechte zu entsinnen, die die UNO nach dem Irrsinn des zweiten Weltkriegs zur Maxime erhoben hat. Sie sind bei genauer Betrachtung theoretische Grundlage fast jeder Verfassung und finden sich als Grundwerte in nahezu jeder Religion wieder.

 

Ach ja, dann ist da noch der Glaube, die Kirchen und deren Manipulation durch charismatische Führer. Nahezu jeder von uns setzt sich mit Glaubensfragen auseinander. Gott? Gibt es ihn, sie, eine, viele? Wenn ja, wem gehört er? Welche Gotteskrieger dürfen, müssen gegen welche Gegner kämpfen? Auch das grundlegend friedliche Christentum hatte es (hat es: Joseph Kony, Lord´s Resistance Army, Uganda) geschafft, Gräuel im Namen des Glaubens auszuüben. Meine persönliche, tiefe Überzeugung ist, dass Glaube Privatsache ist, die durch den Staat zu schützen, nicht aber zu bewerten ist. Das schließt nicht aus, dass kulturell-religiöse Wurzeln und Prägungen die Gesellschaft beeinflussen. Deutschland ist ein christlich geprägtes Land und sollte es auch bleiben. Maßgeblich aber ist das Grundgesetz, sind die Menschenrechte, ist ein universeller Humanismus, der - weil nicht konkurrierend - auch nicht von charismatischen Führern missbraucht werden kann. Die Gläubigkeit des Einzelnen und der sie vertretenen Kirchen ist zu respektieren, der Glaube eine kaum zu unterschätzende Quelle der Kraft und des Trostes.

Immer dann, wenn er sich jedoch gegen Andere richtet, nur weil sie Anderes oder Nichts glauben, verwirkt er sein Recht. 

 

Mich hat in der Tat beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit sich unsere christlichen Kirchen für die Hilfe der mehrheitlich muslimischen Flüchtlinge aus Kriegsgebieten eingesetzt haben. Mich hat auch beeindruckt, dass die überwältigende Mehrheit der Muslime in Deutschland dies erkannt hat und sich in einem christlich geprägten Land heimisch fühlen kann. Niemand soll mir sagen, dass Glaube und Toleranz, Multireligiosität und Zusammenleben ein Widerspruch sein müssen. Es mag naiv klingen: Jenseits sicher fest zu legender Belastungsgrenzen und internationalem, fairem Ausgleich ist in einer globalen Welt der Waren- und Menschenströme eine ethnische Abschottung gar nicht mehr möglich.